Herzis.

Punkt - aus - Ende.

Du hast von allem nichts gewusst. So wirst du behaupten. Ich hätte ja nie etwas gesagt, ja schlimmer noch: vertuscht hätte ich alles, verheimlicht und verschwiegen. Kein Wort sei jemals über meine Lippen gekommen, kein Hinweins, kein noch so kleines Zeichen. Und genau an dieser Stelle würde ich dir ins Wort fallen.
Meine Unterarme sind übersät mit Hinweisen, mit Zeichen und Wundmalen. Sie erzählen ganze Romane, wenn man sie zu Lesen versteht. Es sind Mitschriften meines Alltags, Diktate meines Lebens, Aufzeichnungen meiner Jugend, Tagebuchnotizen einer Halbwüchsigen. Kreuz und quer habe ich mir die Haut aufgeritzt. Zuerst, nur die Bleistifte so lange ins Fleisch gedrückt, bis endlich Blut kam und mit dem Schmerz die Wiederentdeckung der Lebendigkeit. Irgendwann habe ich dann systematisch zu Schneidwerkzeugen gegriffen, Nagelschere, Teppichmesser, Rasierklinge, und akribisch gerade Linien in den Körper gezogen, gestaunt, wie lange das Blut braucht um aus den schmalen Schnitten hervorzutreten, als Flüssigkeit einen dicken Tropfen zu bilden, der, wenn ich lange genug ruhig hielt, nicht ins Laufen kam.
Du hast davon zuerst nichts gemerkt. Als du den ersten roten Fleck auf der Hose entdecktest, hieltest du ihn - desinteressiert und mit halber Aufmerksamkeit bedacht für - leichtes Nasenbluten. Fragtest dich nicht wie solch ein Fleck auf das Hosenstück am Oberschenkel, kurz über den Knie gelangen konnte. Oder wolltest mich schonen, mich - mit offensichtlicher Fürsorge, die du dir bei dieser gelegenheit sofort als Pluspunkt ins Zeugnis der Mütterlichkeit schriebst - nicht auf die peinlichen Spuren einer möglicherweise stadtgefundenen Prügelei ansprechen.
Das nächste mal als du Blut entdecktest, diesmal am Ärmel eines Pullovers, haktest du nach. "Was ist denn das schon wieder?", fragtest du in dem selben Tonfall, wie du gegenüber deiner Freundinnen eine meiner angeblich Ungezogenheiten kommentiertest. "Ich habe mich geschnitten", antwortete ich wahrheitsgemäß.und erntete daraufhin eine Lektion über den richtigen Umgang mit Schnittverletzungen. "Dann musst du doch ein Pflaster draufmachen, das weisst du doch! Sonst versaust du wieder deine Kleider!"
Was fortan blieb war Schorf, den ich oftmals nervös abrieb, dann Narben. Für die ich mich gleichermaßen schämte, als dass ich stolz auf sie war. Die anderen Mädchen meiner Klasse trugen selbstbewusst und körperbetont enge Tops, verdeckten nur das Nötigste und zeigten möglichst viel jugendlich unbefleckte Haut. Ich dagen lief Sommers wie Winters langärmelig durchs Leben. Duschte nicht zusammen mit den anderen nach dem Sportunterricht, von dem ich mich deswegen unter fadenscheinigen Ausreden drückte oder ihn einfach schwänzte. Ich galt als versponnen und wirr, wurde aufgezogen wegen meiner vermeintlichen Prüderie und mit gemeinen Spitznamen belegt.
Das war mir egal. Ich hatte onehin keine Freunde. Keine beste Freundin, keinen Jungen der mich liebte. Ich hatte mich, mich ganz alleine.

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